19. Oktober 2017


Nur wenige Tage in Paris, aber eine Menge Bilder im Kopf. Und wieder bin ich mit einem meiner Hauptthemen konfrontiert: Den vielen unbekannten Namen, wenn keine Augen, keine Haare, nur noch blanke Knochen vorhanden sind. In den Katakomben unter der Stadt liegen ein paar Schädel, die heute wohl zu den meistfotografierten Einwohnern Paris zählen.

Denn hier zücken Tausende von Touristen täglich ihre Handys. Dabei sind diese aufgeschichteten Knochen ein Beispiel für Untergang und Inszenierung. Im 18. Jahrhundert brachten überfüllte Friedhöfe und stinkende Kadaver die Verantwortlichen auf die Idee, die Fleisch- und Knochenberge in den ehemaligen unterirdischen Steinbrüchen zu entsorgen.

Katakomben von Paris

Ein unbekannter Shootingstar aus dem Pariser Untergrund © HWR


Ab 1809 setzte sich dann ein gewisser Héricart de Thury für Ordnung in den «Endlagern» ein. Er inszenierte die Knochen zu einem begehbaren Rundgang. Er ließ sie aufschichten und sogar «ästhetisch» anordnen. Ein Meisterwerk des Stadtmarketings aus heutiger Sicht, mit Hunderttausenden Besuchern.

Einen echten, prominenten Shootingstar musste ich aber doch unbedingt gesehen haben. Nämlich Irving Penn, bzw. seine Ausstellung im Grand Palais. Diesen Fotografen bewundere ich seit den Siebzigerjahren. Irving Penn (leider auch schon tot) sorgte mit ikonenhaften Bildern dafür, dass Prominente ein absolut wiedererkennbares «Image» bekamen.

Irving Penn – Picasso
Picasso – Er würde wohl gerne wissen, was da vorgeht © Irving Penn / HWR

Und dann, zurück auf den Straßen, Plätzen und in den Restaurants von Paris: Menschen mit tausenderlei Gesichtern. Nicht einmal in Delhi habe ich so viele Nationalitäten und Ethnien bunt gemischt beobachten können. Bis hin zu einer romanhaften Figur in der Metro: Ein halbwegs businessmäßig angezogener Mittvierziger.

Etwas wilde Haare, etwas wirrer Blick, der jedoch fast während der ganzen Fahrt auf sein Handy gerichtet war. Und zwischendrin, ich glaubte es kaum, biss er aus einem Papierknäuel in seiner anderen Hand immer wieder Fetzen heraus, kaute und schluckte sie. Nein: es war kein Apfel. Ich saß ihm direkt gegenüber.

Irving Penn – Saul Steinberg
Wer findet da wen interessant © Irving Penn / HWR

Paris ist ein Ort, um Romane zu schreiben. Oder sich wirklich als Ghostwriter zu fühlen. Mein Ritual, während Ferientagen eine einzige Zigarre zu rauchen, habe ich kurz vor der Abreise ebenfalls zelebriert. Wenn ich mich auf dem Bild betrachte, könnte ich auf dieser Bistro-Terrasse zeitlos lange rauchen, bis mein Schädel in den Pariser Katakomben entsorgt würde.

Was ich nun mit diesem Blog tatsächlich sagen wollte, betrifft mein immer erneuertes Mantra: Warten Sie nicht so lange, bis Sie Ihre Biografie oder Ihr Buch realisieren. Rufen sie mich vorher an. Es könnte noch rechtzeitig fertig werden.

Der Ghostwriter von Schreibenlassen

Ein Ghostwriter beim Vernebelungs-Ritual © D. Ammann





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